Lana Del Rey – Das neue Album «Honeymoon»

Sonntag, September 20, 2015 Parklife 1 Kommentare


Wenn Lana Del Rey ein neues Album herausbringt – und dies tut sie mit fast schon beängstigend hoher Frequenz; inzwischen das 5. Album in 6 Jahren – ist das für mich immer ein emotionaler Moment. Stets schwingt die latente Furcht mit, dass sie das bisher so hohe Niveau irgendwann verlässt und plötzlich Uninspiriertes oder Trendanbiederndes veröffentlicht, das mich nicht mehr so wirklich anspricht.

Dementsprechend verhalten optimistisch ging ich an «Honeymoon» heran. Das Cover der CD ist ziemlich hässlich (zum Glück gibt es auch das oben abgebildete alternative Cover der UK-Vinyl-Edition, das mir viel besser gefällt), und die vorab bekannten Songs waren SEHR langsam, vor allem «Terrence loves you» ist eine echte Schlaftablette. Würde HM also den Abstieg Lanas aus meinem persönlichen Musikolymp einleiten? Der erste Durchlauf des Albums schien meine latenten Befürchtungen zu bestätigen, denn beim oberflächlichen Nebenbeihören klingen die Songs unspektakulär, ja zum Teil einfach langweilig. Doch dann habe ich mir mal die CD per Kopfhörer zu Gemüte geführt – und muss sagen, dass ich inzwischen absolut begeistert bin. Es passiert sound- und melodiemäßig erstaunlich viel in den Liedern (was ich zunächst, ohne Kopfhörer, gar nicht so bemerkt hatte), so dass die Langsamkeit und vermeintliche Langeweile in den Hintergrund treten. Die Produktion ist auf diesem Album eindeutig King. Bzw. Queen, da Lana diesmal erstmalig mitproduziert hat.

Hier meine Einzelkritik (5/5 ist Max.):

01 - Honeymoon
3,25 - zäher Auftakt; kommt nicht so richtig in die Pötte.

02 - Music To Watch Boys To
5 - Dreampop deluxe; wenn Beach House bloß mal einen derartigen Song auf ihrem neuen Album hinbekommen hätten.

03 - Terrence Loves You
2 - Tiefpunkt des Albums, zum Einschlafen, trotz „Major Tom“.

04 - God Knows I Tried
3,5 - okay bis ganz gut; diese Jazz-Sounds sind offenbar (leider) Lanas neues Steckenpferd.

05 - High By the Beach
4,75 - ist ja schon bekannt; immer noch cool - hiermit geht das Album im Grunde richtig los.

06 - Freak
5 - herrlich kränk, auch dieser schleifende Trap-Beat und die gluckernden Synthies, und sogar das Saxophon und die Tempoverschleppungen mag ich; die Bridge ist, wie so oft bei Lana, ein absoluter Traum und mein Highlight des Albums.

07 - Art Deco
4,75 - fast schon Pop, jedenfalls im Rahmen dieses Albums; der Soundteppich ist hier wiederum eine 1 mit Sternchen, gerade gegen Ende.

08 - Burnt Norton (Interlude)
3,5 - ich könnte Lana stundenlang beim Rezitieren von Gedichten zuhören :-)

09 - Religion
5 - zunächst fand ich’s nur so lala, ist aber ein echter Grower; bemerkenswert, wie hoch sie mit ihrer Stimme kommt; sie sollte mal was von den Cocteau Twins covern!

10 - Salvatore
4,25 - hihi, man merkt, dass Lanas neuer Freund Italiener ist; ulkiger Song, mal wieder sehr abwechslungsreicher, satter Sound, diesmal besonders stark Richtung Kitsch.

11 - The Blackest Day
4,75 - wenn Portishead das noch erlebt hätten; ganz schön finster… und grandios.

12 - 24
4,25 - die erste Häfte (eher etwas langweilig) kriegt 3,5, die zweite Hälfte (dramatisch) glatte 5; angeblich soll das Lied als Song für den neuen Bond-Film gedacht gewesen sein.
EDIT 20.10.: Inzwischen hat sich «24» zu einem meiner Favoriten des Albums gemausert, da muss ich auf 5/5 erhöhen!

13 - Swan Song
5 - toll! Wunderbar getragen und traurig, die ersten paar Takte erinnern mich stark an Mylène Farmer. Neben Freak und MTWBT bester Song.

14 - Don't Let Me Be Misunderstood
3 - ein bisschen überflüssig, aber irgendwie doch halbwegs unterhaltsam; quasi ein Rausschmeißer; „Swang Song“ wäre aber das logischere Ende gewesen.


Unter dem Strich ein nicht perfektes, aber doch sehr gelungenes Album (und heißester Anwärter auf Platz 1 in meinen Jahrescharts - Gesamtscore 4,5/5), bei dem Lana sich und der ihrem Oeuvre seit jeher inne wohnenden Melancholie und der leicht schwülen David Lynch-esken Atmosphäre treu bleibt, das seinen Charme aber erst bei genauerem Hinhören entfaltet. Und unter der schillernden Oberfläche lauert jederzeit eine gewisse Abgründigkeit.

Wer einen Neuaufguss von «Born to die» erwartet, wird ob der fehlenden radiotauglichen Pophits und des langsamen Tempos vermutlich enttäuscht sein. Alle anderen dürfen sich freuen, dass Lana ihren sehr eigenen und eigenwilligen Weg unbeirrt weiter geht. (Fürs nächste Album wünsche ich mir aber trotzdem mal wieder ein paar flottere Stücke!)

EDIT: Die Idolator-Website sieht das ziemlich genauso wie ich.  

EDIT 2: Auch der Blogkollege von Lie in the sound findet das Album gelungen.

Und selbst Plattentests.de gibt dem Werk eine 8/10 und findet diese wunderbare Formulierung:

"Lana Del Rey wirkt selbst in verletzlichen Momenten wie der butterweich vorgetragenen suizidalen Ballade "Swan song" elegant. Man hat das Gefühl, als gleite sie jede Sekunde eine geschwungene Treppe hinab, in einem langen Kleid, in der einen hand die Zigarettenspitze und in der anderen ein Maschinengewehr und der abgetrennte Kopf eines Stoffhasen. Es bleibt immer ein Stück weit unberechenbar, ob und wann bei ihr die Noir-Atmosphäre gen Laszivität oder Morbidität kippt."

1 Kommentare:

SomeVapourTrails hat gesagt…

Bin noch dabei, dass Album für mich zu entdecken. Erster Eindruck war anfangs auch ein wenig gemischt, komme aber immer mehr auf den Geschmack. Werde die Platte nun auch unter dem Eindruck deiner Anmerkungen hören :) Nur: Terrence Loves You finde ich eigentlich sehr schön...